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Warum klassische Selbstfürsorge bei hochfunktionalen Frauen oft nicht ausreicht

  • Jul 12
  • 7 min read


Sie meditieren. Sie gehen spazieren. Sie machen Yoga. Sie hören Podcasts über mentale Gesundheit. Vielleicht gönnen Sie sich regelmässig Massagen oder ein Wellness-Wochenende.









Und trotzdem fühlen Sie sich innerlich erschöpft. Nicht unbedingt jeden Tag. Aber dauerhaft.


Nach aussen funktioniert Ihr Leben. Sie erledigen Ihre Arbeit, kümmern sich um Ihre Familie, tragen Verantwortung und organisieren Ihren Alltag. Andere würden vermutlich sagen, dass Sie alles erstaunlich gut im Griff haben.



Nur Sie selbst wissen, wie viel Kraft dieses Funktionieren inzwischen kostet.


Genau das ist der Grund, weshalb klassische Selbstfürsorge vielen hochfunktionalen Frauen nicht die Veränderung bringt, die sie sich wünschen.


Nicht, weil Selbstfürsorge grundsätzlich wirkungslos wäre, sondern weil sie häufig an einem Problem ansetzt, das gar nicht die eigentliche Ursache ist.




Selbstfürsorge ist wichtig , aber sie löst nicht jedes Problem



Selbstfürsorge hat in den vergangenen Jahren erfreulicherweise einen festen Platz in der Öffentlichkeit gefunden. Das Bewusstsein dafür, dass psychische Gesundheit Aufmerksamkeit verdient, ist gewachsen.


Doch gleichzeitig entsteht häufig der Eindruck, Selbstfürsorge sei die Antwort auf nahezu jede Form von Erschöpfung:


  • Nehmen Sie sich mehr Zeit für sich.

  • Sagen Sie öfter Nein.

  • Meditieren Sie.

  • Machen Sie Yoga.

  • Gehen Sie spazieren.

  • Schreiben Sie ein Dankbarkeitstagebuch.



Bitte nicht falsch verstehen. All diese Empfehlungen können sinnvoll sein. Die entscheidende Frage lautet jedoch:



Für welches Problem sind sie eigentlich die Lösung?



Denn viele hochfunktionale Frauen erleben, dass sie genau diese Dinge bereits tun, ohne dass sich ihr innerer Zustand wirklich längerfristig verändert. Das liegt nicht daran, dass sie Selbstfürsorge falsch machen, sondern daran, dass die Ursache ihrer Erschöpfung häufig deutlich tiefer liegt.





Das Unsichtbare hinter dem Funktionieren



In meiner Arbeit berichten mir häufig Frauen, die nach aussen erfolgreich, belastbar und organisiert wirken über diese Faktoren:


  • Sie sind beruflich engagiert.

  • Andere verlassen sich auf sie.

  • Sie übernehmen Verantwortung.

  • Sie halten Beziehungen aufrecht.

  • Sie denken und planen vorausschauend.

  • Sie wirken nach aussen hin ruhig.


Doch innerlich beschreiben viele etwas völlig anderes. Sie fühlen sich dauerhaft angespannt. Sie können kaum abschalten, schlafen schlecht, grübeln ständig, haben das Gefühl, ständig funktionieren zu müssen und selbst in ruhigen Momenten bleibt eine innere Alarmbereitschaft bestehen.


Das Bemerkenswerte daran ist, dass alle Frauen sich häufig gar nicht als überlastet erlebt, denn das Funktionieren ist für sie längst zum Normalzustand geworden.





Warum hochfunktionale Frauen ihre Erschöpfung oft zu spät erkennen



Unser Gehirn bewertet Belastungen nicht objektiv. Es vergleicht den aktuellen Zustand mit dem, woran wir uns gewöhnt haben.



Wenn Ihr Nervensystem über Jahre gelernt hat, unter Anspannung zu funktionieren, fühlt sich Anspannung irgendwann normal an.



Sie merken deshalb häufig erst sehr spät, dass Ihre Energiespeicher längst erschöpft sind. Viele Frauen sagen dann Sätze wie:


"Ich weiss gar nicht, wann ich zuletzt wirklich entspannt war."


Oder:


"Eigentlich müsste ich glücklich sein. Trotzdem fühle ich mich ständig müde."


Auch:


"Ich weiss gar nicht mehr, wie sich innere Ruhe überhaupt anfühlt."



Solche Sätze sind keine Beweise für eine mangelnde Belastbarkeit. Sie sind vielmehr Hinweise darauf, dass Ihr Nervensystem über einen langen Zeitraum gelernt hat, Belastungen sowie sich angespannt zu fühlen als dauerhaften Normalzustand zu betrachten.





Die Psychologie hinter dem permanenten Funktionieren




Viele Menschen glauben, sie würden sich bewusst dafür entscheiden, immer leistungsfähig zu sein. Psychologisch betrachtet läuft jedoch ein grosser Teil unseres Verhaltens automatisch ab.


Unser Gehirn entwickelt bereits früh Strategien, um mit Belastungen umzugehen. Diese Strategien entstehen nicht zufällig. Sie dienen einem wichtigen Zweck:


Sie schaffen Sicherheit.


Vielleicht haben Sie früh lernen müssen, dass Harmonie wichtiger ist als Ihre eigenen Bedürfnisse. Vielleicht mussten Sie früh Verantwortung übernehmen und Leistung, Liebe oder Anerkennung waren an Bedingungen geknüpft und wurden nur durch besondere Verhaltensweisen belohnt.


Vielleicht war es sicherer, Gefühle zurückzustellen, um schwierige Situationen bewältigen zu können. Damals waren diese Strategien häufig hilfreich. Heute laufen sie oft automatisch weiter, obwohl die ursprüngliche Situation meist längst vorbei ist.





Wenn Schutzmuster den Alltag bestimmen



In der Psychotraumatologie sprechen wir häufig von Schutz- oder Anpassungsmustern. Diese entstehen nicht aus Schwäche, sondern weil unser Gehirn immer versucht, Sicherheit herzustellen.


Typische Muster hochfunktionaler Frauen sind beispielsweise:


  • Perfektionismus

  • Sich für alles und jeden verantwortlich zu fühlen

  • ständiges Kümmern

  • Schwierigkeiten, Hilfe anzunehmen

  • People Pleasing

  • Harmonie um jeden Preis

  • hohe Selbstkontrolle

  • permanentes Vorausdenken für andere

  • Schuldgefühle beim Ausruhen

  • das Gefühl, immer stark sein zu müssen


Diese Muster fühlen sich selten wie Schutzmechanismen an. Sie wirken vielmehr wie Persönlichkeitsmerkmale und genau deshalb bleiben sie oft über viele Jahre unbemerkt.


"Ich bin halt so perfektionistisch veranlagt. Ich möchte niemandem zur Last fallen und schaffe das schon alleine. So war ich schon immer..."





Warum Entspannung manchmal sogar unangenehm wird



Ein Phänomen überrascht viele Frauen. Sobald endlich Zeit zum Ausruhen wäre, entsteht keine Entspannung, sondern Unruhe. Plötzlich kreisen die Gedanken. und es fällt schwer, einfach sitzen zu bleiben. Das Handy wird in die Hand genommen, es wird noch schnell aufgeräumt, noch eine E-Mail beantwortet, noch etwas organisiert.


Viele interpretieren das als Persönlichkeitsmerkmal. Tatsächlich steckt häufig etwas anderes dahinter. Ein Nervensystem, das über Jahre gelernt hat:


Aktivität bedeutet Sicherheit - Ruhe hingegen ist gefährlich und ungewohnt.


Deshalb fühlt sich Entspannung zunächst oft gar nicht entspannend an.





Warum klassische Selbstfürsorge dann an ihre Grenzen kommt



Stellen Sie sich vor, Ihr Auto zeigt dauerhaft eine Warnleuchte an. Anstatt die Ursache zu überprüfen, waschen Sie regelmässig den Lack. Das Auto sieht von aussen gepflegt aus. Die Warnleuchte bleibt jedoch bestehen.


Genau so verhält es sich häufig mit klassischer Selbstfürsorge. Sie verbessert kurzfristig das Wohlbefinden. Die eigentliche Dynamik bleibt jedoch bestehen. Wenn Ihr Nervensystem dauerhaft Alarm signalisiert, reichen äussere Erholungsangebote allein oft nicht aus. Das bedeutet nicht, dass Meditation, Yoga oder Spaziergänge sinnlos wären. Im Gegenteil. Sie können wichtige Bausteine sein. Doch nachhaltige Veränderung entsteht erst dann, wenn auch die psychologischen Mechanismen verstanden werden, die die dauerhafte Anspannung überhaupt aufrechterhalten.



Die entscheidende Frage lautet nicht: "Wie kann ich mich besser entspannen?"



Sondern:


  • Warum fällt mir Entspannung überhaupt so schwer?

  • Weshalb fühle ich mich schuldig, wenn ich nichts tue?

  • Warum definiere ich meinen Wert so stark über Leistung?

  • Weshalb habe ich das Gefühl, immer funktionieren zu müssen?

  • Welche inneren Überzeugungen steuern mein Verhalten?

  • Welche Schutzmuster arbeiten unbemerkt im Hintergrund?



Diese Fragen führen deutlich näher an die eigentliche Ursache als der Versuch, noch eine weitere Entspannungstechnik auszuprobieren.





Viele Frauen erkennen sich erst dann wieder, wenn sie die psychologischen Zusammenhänge hinter ihrem Verhalten verstehen.


Genau mit diesen unbewussten Dynamiken beschäftige ich mich in meiner psychologischen Beratung. Denn Veränderung beginnt dann, wenn ich die Ursachen kenne.








Woran Sie erkennen, dass Ihr Nervensystem dauerhaft unter Spannung steht



Erkennen Sie sich in einigen Situationen wieder?



  • Sie fühlen sich selbst nach dem Urlaub schnell wieder erschöpft.

  • Sie können schlecht abschalten, obwohl objektiv kein Druck besteht.

  • Sie haben ständig das Gefühl, etwas vergessen zu haben.

  • Pausen lösen eher Unruhe als Erholung aus.

  • Sie übernehmen automatisch Verantwortung für andere.

  • Sie sagen Ja, obwohl Sie Nein meinen.

  • Sie funktionieren auch dann weiter, wenn Ihr Körper längst Signale sendet.

  • Sie erleben Erschöpfung oft erst dann, wenn Termine wegfallen oder Sie krank werden.



Je mehr dieser Punkte auf Sie zutreffen, desto wahrscheinlicher lohnt sich ein genauer Blick auf Ihre Verhaltensmuster und psychologischen Prozesse in Ihrem Alltag.




Was nachhaltige Veränderung wirklich braucht



Nachhaltige Veränderung beginnt selten mit noch mehr Disziplin. Sie beginnt mit Verständnis. Mit dem Verständnis dafür,



  • warum Ihr Nervensystem heute so reagiert,

  • welche Schutzmuster Ihr Verhalten steuern,

  • welche Erfahrungen diese Muster geprägt haben,

  • und weshalb Ihr System bisher genau auf diese Weise versucht hat, Sicherheit herzustellen.



Erst wenn diese Zusammenhänge bewusst werden, entsteht die Möglichkeit, neue Erfahrungen zu machen. Nicht gegen Ihr Nervensystem, sondern gemeinsam mit ihm.


Veränderung entsteht nicht dadurch, dass Sie sich noch mehr anstrengen. Sie entsteht dort, wo Ihr System lernt, dass Sicherheit auch ohne permanentes Funktionieren möglich ist.





Drei Fragen zur Selbstreflexion


Nehmen Sie sich einen Moment Zeit und beantworten Sie die folgenden Fragen ehrlich für sich selbst.



1. Können Sie sich ausruhen, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben?

Oder entsteht sofort das Gefühl, produktiv sein zu müssen?



2. Woran erkennen Sie persönlich Ihren eigenen Wert?


Daran, wer Sie sind?

Oder hauptsächlich daran, was Sie leisten?



3. Wie würden Menschen reagieren, wenn Sie nicht mehr alles übernehmen würden?


Und welche Gefühle löst allein diese Vorstellung in Ihnen aus?




Diese Fragen haben keine richtigen oder falschen Antworten.

Sie können jedoch ein erster Hinweis darauf sein, welche inneren Prozesse und Muster Ihren Alltag unbemerkt mitgestalten.




Fazit



Selbstfürsorge ist kein Mythos. Sie ist wichtig, aber entfaltet ihre Wirkung nur dann nachhaltig, wenn sie nicht versucht, ein tieferliegendes Problem nur an der Oberfläche zu lösen.


Viele hochfunktionale Frauen kämpfen nicht mit mangelnder Disziplin oder fehlender Entspannung. Sie leben mit einem Nervensystem, das über Jahre gelernt hat, Sicherheit über Leistung, Kontrolle, Anpassung oder permanentes Funktionieren herzustellen. Genau deshalb reicht klassische Selbstfürsorge häufig nicht aus. Nicht, weil mit Ihnen etwas nicht stimmt, sondern weil Ihr System nach Regeln arbeitet, die einmal sinnvoll waren, heute jedoch oft nicht mehr nötig sind und mehr Kraft kosten, als sie zu schützen.


Der erste Schritt ist deshalb nicht, noch mehr zu leisten, sondern sich in der Tiefe verstehen zu lernen.


Denn erst wenn Sie erkennen, warum Sie funktionieren, entsteht die Möglichkeit, sich anders verhalten zu können.








Vielleicht haben Sie sich an mehreren Stellen in diesem Artikel wiedererkannt. Viele Frauen erleben ihre Erschöpfung über Jahre hinweg, ohne zu erkennen, welche psychologischen Prozesse dahinterstehen.


Wenn Sie Ihre eigenen Muster besser verstehen und Ihre Verhaltensmuster verändern möchten, begleite ich Sie gerne im Rahmen einer individuellen psychologischen Beratung. Gemeinsam schauen wir uns nicht nur Ihre Symptome an, sondern die Ursachen, die Ihr Erleben und Verhalten bis heute prägen.












Über die Autorin


Nadège B. Tebiro ist Dipl. Psychologische und Dipl. Psychotraumatologie Beraterin.


Sie begleitet insbesondere hochfunktionale Frauen, die nach aussen erfolgreich wirken, sich innerlich jedoch dauerhaft erschöpft, angespannt oder überfordert fühlen.

Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen keine kurzfristigen Strategien zur Symptombewältigung, sondern das Verständnis der psychologischen Dynamiken, die hinter anhaltendem Funktionieren, Perfektionismus, People Pleasing und emotionaler Erschöpfung stehen. Sie verbindet psychologisches Fachwissen mit dem Fokus auf unbewusste Schutzmuster, die das Verhalten vieler Frauen prägen.


Mit ihren Fachartikeln möchte sie komplexe psychologische Zusammenhänge verständlich erklären und Frauen dabei unterstützen, sich selbst besser zu verstehen. Denn nachhaltige Veränderung beginnt dort, wo die Ursachen erkannt werden und nicht nur die Symptome behandelt werden.



 
 
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