Sie glauben, Sie seien erschöpft. Tatsächlich passiert etwas ganz anderes
- May 4
- 4 min read
Updated: Jul 13
Erschöpfung hat ein erstaunlich gutes Talent. Sie tarnt sich.
Deshalb fällt sie vielen Frauen so spät auf. Die meisten stellen sich Erschöpfung wie einen leeren Akku vor. Man fühlt sich kraftlos, schläft viel, sagt Termine ab und schafft den Alltag kaum noch. Doch genau so erleben viele hochfunktionale Frauen ihre Erschöpfung nicht.
Sie stehen morgens auf.
Sie gehen arbeiten.
Sie kümmern sich um ihre Familie.
Sie organisieren.
Sie funktionieren.
Sie lachen sogar.

Und trotzdem wächst in ihnen das Gefühl, dass jeder Tag ein kleines bisschen mehr Kraft kostet als der davor. Das Merkwürdige daran ist: Von aussen fällt es kaum jemandem auf. Und genau deshalb beginnen viele Frauen irgendwann, sich selbst nicht mehr zu glauben. Es entstehen Gedanken wie:
"Vielleicht bilde ich mir das nur ein."
"Eigentlich geht es mir doch gut."
"Andere schaffen noch viel mehr."
An diesem Punkt entsteht häufig ein Missverständnis, das ich für eines der größten überhaupt halte.
Wir glauben, Erschöpfung müsse sich immer durch weniger Leistung zeigen.
In Wirklichkeit zeigt sie sich oft zunächst durch einen höheren Kraftaufwand für dieselbe Leistung. Das ist ein entscheidender Unterschied.
Stellen Sie sich zwei Autos vor.
Beide fahren 120 km/h auf der Autobahn. Von aussen sehen sie gleich schnell aus. Was niemand sieht:
Das eine Auto fährt mit 2.500 Umdrehungen.
Das andere mit 6.000.
Beide kommen am selben Ort an. Aber eines verschleisst deutlich schneller. Genau das passiert vielen Menschen.
Nach aussen verändert sich kaum etwas. Innerlich arbeitet das gesamte System aber längst auf Hochtouren.
Nicht das Ergebnis verrät, wie es Ihnen geht, sondern der Preis, den Sie dafür bezahlen!
Vielleicht brauchen Sie nach einem Arbeitstag inzwischen deutlich länger, um sich zu erholen. Vielleicht fühlen sich soziale Treffen plötzlich anstrengend an, obwohl Sie früher gerne unter Menschen waren. Vielleicht kostet schon eine kleine Planänderung unverhältnismässig viel Energie. Das sind oft die ersten Hinweise.
Nicht, dass Sie weniger schaffen, sondern dass Ihr System immer mehr investieren muss, um dasselbe leisten zu können.

Hinweis
Manchmal liegt die größte Entlastung nicht darin, weniger zu tun, sondern darin, die unbewussten Prozesse zu erkennen, die jeden einzelnen Tag unnötig anstrengend machen.
In meiner psychologischen Beratung geht es genau darum: Wir betrachten nicht nur das, was im Alltag sichtbar ist, sondern auch die inneren Regeln, nach denen Ihr System arbeitet. Denn oft beginnt Veränderung genau in dem Moment, in dem das Unsichtbare sichtbar wird.
Unser Gehirn interessiert sich herzlich wenig für Glück.
Dieser Satz irritiert viele Menschen, weil wir davon ausgehen, dass unser Gehirn darauf ausgelegt sei, uns glücklich zu machen.
Das stimmt nicht.
Seine wichtigste Aufgabe lautet Sicherheit. Und Sicherheit bedeutet für das Gehirn vor allem eines: Vorhersagbarkeit.
Wenn Ihr inneres System über Jahre gelernt hat, dass Sie durch Leistung, Kontrolle oder Anpassung schwierige Situationen bewältigen können, wird es genau diese Strategien immer wieder einsetzen.
Und zwar nicht weil sie schön sind, sondern weil sie sich bewährt haben.
Das erklärt auch, warum manche Frauen selbst dann weitermachen, wenn ihr Körper längst auf die Bremse tritt. Nicht etwa aus mangelnder Einsicht.
Weil ihr Gehirn versucht, sie mit den Strategien zu schützen, die es kennt.
Es fährt gewissermassen aus "erlernter, vermeintlicher Sicherheit" immer dieselbe Route. Auch dann, wenn diese inzwischen voller Baustellen ist, die hinderlich für Sie sind und Ihnen nicht guttun!
Der Körper beginnt irgendwann, leiser zu sprechen.
Viele erwarten, dass der Körper irgendwann laut protestiert. Mit starken Schmerzen, mit einem Zusammenbruch, mit einer klaren Grenze. Manchmal geschieht genau das.
Oft aber passiert etwas viel Unauffälligeres. Der Körper reduziert langsam seine Möglichkeiten.
Sie haben weniger Geduld.
Ihre Konzentration lässt schneller nach.
Sie fühlen sich häufiger gereizt.
Sie benötigen länger, um sich zu erholen.
Sie sagen Einladungen ab, nicht weil Sie keine Lust haben, sondern, weil Ihnen die Kraft fehlt
Das Verrückte daran:
Es ist ein bisschen wie bei einer Brille. Wenn sich die Sehkraft über Jahre verschlechtert, merken viele Menschen gar nicht, wie unscharf ihr Blick geworden ist.
Erst wenn sie eine neue Brille aufsetzen, wird ihnen bewusst, wie viel sie vorher gar nicht mehr gesehen haben.
Mit Erschöpfung passiert etwas Ähnliches. Viele bemerken erst rückblickend, wie lange sie eigentlich schon über ihre Grenzen gegangen sind.
Der eigentliche Wendepunkt beginnt mit einer anderen Frage.
Die meisten fragen:
"Wie bekomme ich wieder mehr Energie?"
Das ist verständlich. Aber vielleicht ist es gar nicht die wichtigste Frage.
Interessanter wäre:
"Wofür verbraucht mein inneres System eigentlich den größten Teil meiner Energie?"
Nicht jede Erschöpfung entsteht durch einen vollen Kalender. Manche entsteht dadurch, dass wir ständig vorausdenken, Konflikte vermeiden, zwischen den Zeilen lesen, uns selbst kontrollieren und für alles eine Lösung finden wollen. Manchmal sind wir sogar so verrückt und berechnen unbewusst, wie unser Verhalten auf andere wirken könnte.
Das alles kostet Energie. Nicht sichtbar, aber dauerhaft.
Ein kleines Experiment
Beobachten Sie sich in den nächsten drei Tagen einmal nicht danach, was Sie tun, sondern wie Sie es tun.
Wie oft kontrollieren Sie eine E-Mail, bevor Sie sie abschicken?
Wie häufig entschuldigen Sie sich, obwohl Sie nichts falsch gemacht haben?
Wie oft denken Sie darüber nach, wie etwas bei anderen ankommen könnte?
Wie oft übernehmen Sie gedanklich Verantwortung für Dinge, die ausserhalb Ihres Einflusses liegen?
Vielleicht stellen Sie dabei fest, dass Ihr Körper gar nicht nur von Aufgaben müde wird, sondern von der ständigen inneren Begleitmusik, die währenddessen läuft.
Und genau diese Begleitmusik hören viele Menschen erst, wenn sie bewusst anfangen hinzuhören.
Fazit
Es könnte sein, dass Sie gar nicht deshalb erschöpft sind, weil Ihr Leben zu voll ist. Vielleicht kostet Sie vor allem die Art und Weise Kraft, wie Sie Ihr Leben tragen.
Das ist kein kleiner Unterschied, denn einen Kalender kann man umorganisieren.
Innere Regeln dagegen lassen sich erst verändern, wenn sie überhaupt sichtbar werden. Und genau dort beginnt aus meiner Sicht die spannendste Arbeit.
Nicht bei der Frage, wie Sie noch mehr schaffen, sondern bei der Frage, warum Ihr System glaubt, es müsse so viel Kraft investieren, um sicher durch den Alltag zu kommen.
Über die Autorin
Nadège B. Tebiro ist Dipl. Psychologische und Dipl. Psychotraumatologie Beraterin.
Sie begleitet hochfunktionale Frauen, die nach aussen stabil wirken, innerlich jedoch zunehmend das Gefühl haben, ständig Kraft zu verlieren.
Ihre besondere Stärke liegt darin, psychologische Zusammenhänge sichtbar zu machen, die im Alltag oft unbemerkt bleiben. Mit einer klaren, verständlichen Bildsprache erklärt sie komplexe innere Prozesse so, dass ihre Klientinnen nicht nur neues Wissen gewinnen, sondern sich selbst auf eine tiefere Weise verstehen. Veränderung beginnt selten mit einer neuen Technik, sondern häufig mit einem neuen Blick auf das eigene Erleben.



